Fachgespräch Plastik und Mikroplastik in der Umwelt

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Plastik und Mikroplastik haben in der Umwelt und im Menschen nichts verloren, darüber herrschte beim Umweltbundesamt-Fachgespräch am 27. November 2019 Konsens. Einig waren sich die ExpertInnen auch, dass ein umfassendes Monitoring notwendig ist und dass dazu EU-weit einheitliche Methoden zu etablieren sind. Vermeidung ist die wichtigste Maßnahme, um den Eintrag in die Umwelt zu reduzieren.

 

Thomas Jakl, Abteilungsleiter für Chemiepolitik und Biozide im Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus informierte über die Beschränkung bzw. das Verbot für absichtlich zugesetztes Mikroplastik in Produkten, das auf EU-Ebene voraussichtlich 2022 in Kraft treten wird. Gerade in Kosmetika sei es leicht, Alternativen zu verwenden wie etwa Marillenkerne statt Mikroplastikteilchen in Peelings, so Jakl. Er erinnerte daran, dass Mikroplastik schon lange im Fokus der österreichischen Gesundheits- und Umweltpolitik steht. „Unsere Reise hat erst begonnen“, resümierte er mit Hinweis auf den noch großen Forschungsbedarf.

 

26 Millionen Tonnen Plastikabfall jährlich in der EU

Philipp Hohenblum, Experte im Umweltbundesamt informierte über die Dimensionen an Plastikabfall in der EU, der bei jährlich rund 26 Millionen Tonnen liegt. Davon gelangen 500.000 Tonnen in die Meere, der Anteil von Mikroplastik beträgt dabei 300.000 Tonnen. Um die Belastung zu reduzieren, hat die EU eine Plastikstrategie entwickelt und insbesondere den Einwegprodukten aus Kunststoff den Kampf angesagt. Neben der Vermeidung von Abfall und Littering ist die Qualität von Kunststoff-Rezyklaten eine wichtige Säule dieser Strategie. Hohenblum erinnerte auch daran, dass das Netzwerk der Europäischen Umweltagenturen (EPA) mit seinen Empfehlungen eine wichtige Grundlagenarbeit dazu beitragen konnte.

 

Mikroplastik ist überall in der Umwelt

Blitzlichter auf verschiedene Untersuchungen warf Umweltbundesamt-Expertin Bettina Liebmann. Anhand ausgewählter Untersuchungen wurde deutlich, dass Mikroplastik überall in der Umwelt nachweisbar ist, nicht nur im Meer, auch in Flüssen und Seen, im Trinkwasser, im Boden, Kompost und Klärschlamm und in Lebensmitteln. Durch Luftverfrachtung sind die Kunststoffpartikel mittlerweile auch in entlegenen Gegenden angelangt. Tendenziell ist die Belastung der Innenraumluft stärker als der Außenluft. Im Oktober 2018 konnte Liebmann in Zusammenarbeit mit der MeduniWien in einer Pilotstudie den analytischen Nachweis antreten, dass Mikroplastik mittlerweile auch im menschlichen Stuhl zu finden ist. Die Vergleichbarkeit von Daten ist derzeit fast unmöglich. Die Expertin plädierte daher für einheitliche Methoden bei Probenahme und Analyse als Voraussetzung für ein umfassendes Monitoring und eine valide Datenanalyse.

 

Mehr Daten für die Risikobewertung notwendig

Dieser Forderung schloss sich auch die Expertin für Risikobewertung, Christa Hametner von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) an. Eine umfangreichere Datenlage sei notwendig, um valide Aussagen über das Risiko für den Menschen durch die Belastung mit Mikroplastik treffen zu können. Zwar werden 90% der Kunststoffpartikel nach oraler Aufnahme wieder ausgeschieden, doch ob die restlichen 10% ein Risiko insbesondere für den Verdauungstrakt darstellen, ist bislang unbeantwortet. Laut einer Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA können Teilchen bis zu 1,5 Mikrometer in Organe eindringen, die etwas größeren Teilchen bis 150 Mikrometer können eine systemische Belastung auslösen. Noch größere Partikel können lokale Auswirkungen auf das Immunsystem und den Darm haben und Entzündungen hervorrufen. Zusatzstoffe sind nach aktuellem Wissensstand kein Risiko. Auch durch das Einatmen von Staub erfolgt die Aufnahme von Mikroplastik. Je kleiner die Partikel, desto tiefer und länger gelangen sie in den Körper. Nach wie vor besteht großer Forschungsbedarf zu den gesundheitlichen Effekten, fasste Hametner zusammen. Jedenfalls sind die chemische Zusammensetzung, Größe, Form und andere physikochemische Eigenschaften bei der Risikobewertung zu berücksichtigen.

 

Mikroplastik in Waschmitteln und im Kunststoffrasen

Lisa Kernegger und Lena Steger von der NGO GLOBAL 2000 erinnerten daran, dass Plastik überall in der Umwelt anzutreffen ist, vom urbanen Raum bis zum Nationalpark und stellten Ergebnisse des Berichtes „Müll in Österreichs Natur“ vor. Sie forderten u. a. ein verpflichtendes Pfand auf Einweg-Getränkeverpackungen und eine verpflichtende Mehrwegquote bei Getränkeverpackungen von 50%. Anlässlich einer im Umweltbundesamt-Labor durchgeführten Untersuchung von Flüssig-Waschmitteln, plädierten sie für ein generelles Verbot von absichtlich zugesetztem Mikroplastik in Waschmitteln sowie für eine transparente Darstellung sämtlicher Inhaltsstoffe auf der Verpackung.

Martin Thieme-Hack von der Hochschule Osnabrück lieferte interessante Zahlen zum Thema Kunststoffrasen. Durch die Fasern eines Platzes gelangen jährlich 240 Kilo an Mikroplastik in die Umwelt. Der Faserverschleiß ist derzeit nicht geregelt. Im Unterschied dazu wird das Granulat aus der Verfüllung voraussichtlich ab 2021 EU-weit verboten sein.

 

Biokunststoffe 

Das Thema Biokunststoffe stand im Zentrum des Vortrages von Umweltbundesamt-Experten Helmut Frischenschlager. Für ihn ist eine differenzierte Betrachtung wichtig. Ihre Abbaubarkeit in der Umwelt ist abhängig von vielen Faktoren wie Art und Beschaffenheit des Materials, Mikrobiologie, Temperatur, Sauerstoffgehalt und Feuchte. Generell sind auch die Klimabilanz und der ökologische Fußabdruck zu berücksichtigen. Derzeit haben Biokunststoffe einen Anteil von nur 2% an der weltweiten Kunststoffproduktion. Vor allem Biokunststoffe aus erneuerbarem Kohlenstoff bergen großes Potenzial, die globale Treibhausgas-Bilanz zu verbessern und damit einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. In dieser Hinsicht können sie auch ein Hebel sein, um die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Jedenfalls sind auch Biokunststoffe im Sinne einer ‚New Plastics Economy‘ in den Wirtschaftskreislauf zurückzuführen und ihre Rezyklierbarkeit daher eine notwendige Voraussetzung.

  

Kreislaufwirtschaft

Linda Mauksch vom internationalen Kunststoffverarbeiter ALPLA mit Sitz in Vorarlberg erläuterte, dass durch Recycling der CO2-Fußabdruck pro Flasche um 49 bis 90% verringert werden kann. Die größte Reduktion gelingt bei der Verwendung von 100% erneuerbarer Energie.

 

Den Reigen der Vorträge schloss Umweltbundesamt-Expertin Brigitte Karigl ab. Sie stellte Zahlen zur Kreislaufwirtschaft in Österreich aus dem Jahr 2015 vor. Jährlich fallen rund 916.00 Tonnen an Kunststoffabfall an, etwa zwei Drittel davon werden energetisch, rund 250.000 Tonnen stofflich verwertet, ein geringer Anteil wird deponiert. Da die Nachfrage nach Kunststoffen bei über einer Million Tonnen pro Jahr liegt, muss der Markt für Rezyklate gestärkt werden, meinte sie. Abschließend kündigte sie eine Studie zum Thema Sortierung und Recycling von Altkunststoffen in Österreich für das Jahr 2020 an.

 

Kontakt

Sabine Enzinger, Pressestelle Umweltbundesamt, E-Mail: sabine.enzinger@umweltbundesamt.at, Tel.: 01/31304-5488

Infobox

Downloads

Diskussionen auf europäischer Ebene [PDF, 1.2MB] (Philipp Hohenblum)

Mikroplastik Daten aus aktuellen Untersuchungen [PDF, 1.7MB] (Bettina Liebmann)

Chancen und Risiken von Biokunststoffen [PDF] (Helmut Frischenschlager)

Aktuelle Herausforderungen in der Abfallwirtschaft [PDF, 1.2MB] (Brigitte Karigl)